Am 21.07.2018 waren wir zu Gast im Hotel Maritim Airport Langenhagen und haben die diesjährige Sternfahrt der McDonald‘s Kinderhilfe Stiftung mit zwei Workshops zum Thema „Kommunikation mit trauernden Eltern & Angehörigen“ unterstützt.

Die McDonald‘s Kinderhilfe Stiftung ist seit knapp 30 Jahren einer der führenden Unterstützer in der deutschen Kinderhospiz-Landschaft. Neben den Angestellten, gestalten 850 ehrenamtliche Mitarbeiter*innen das tägliche Leben der knapp 5400 Familien und Kinder in den Hospizen und Oasen. Von Nord nach Süd, von Ost nach West; die liebevoll eingerichteten und individuell gestalteten Häuser sind ein „zu Hause auf Zeit“, für Kinder und Jugendliche mit lebensverkürzender Diagnose. Alle Beteiligten leisten jeden Tag großartige und mutige Arbeit, um den kleinen Bewohnern und deren Familien einen bedingungslos guten Aufenthalt und Abschied bereiten zu können. In den Häusern & Oasen werden die Kinder & Jugendlichen medizinisch und pflegerisch individuell versorgt und es werden Angebote zur Gestaltung der Freizeit gemacht. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen aus allen McDonald‘s Häusern und Oasen in Deutschland wurden zur Sternfahrt 2018 nach Hannover eingeladen. Die Sternfahrt findet einmal im Jahr statt und gibt Raum zum Austauschen, Wiedersehen und um neue Ideen für die Arbeit mit zurückzunehmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Morgen des 21.07.2018 herrscht im Hotel bereits geschäftiges Treiben, alle ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen der Kinderhilfe Stiftung tragen gelbe Lanyards, das Orga-Team ist gut an den grünen Poloshirts zu erkennen. Schon im Vorfeld bin ich von der reibungslosen & guten Zusammenarbeit mit der Zentrale in München beeindruckt. Von der Anfrage bis zur Hotelbuchung für unseren Dozenten – alles passiert sehr umsichtig und durchdacht. Nach der Eröffnung der Veranstaltung von Sky Dumont und diversen Ehrungen & Auszeichnungen am Abend zuvor, folgen am Samstag zahlreiche Workshops für die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen. Von Cake Pops gestalten bis Origami falten, von Yoga bis zur Trauerarbeit – das Programm ist bunt und vielfältig.

Trauerarbeit. Kinderhospiz. Lebensverkürzende Diagnose. Tod. Was diese Worte für betroffene Familien bedeuten, vermag man sich nicht vorzustellen. Meine Vorstellungskraft reicht bis zur plötzlich eintretenden Gänsehaut, ich stehe in der riesigen Halle des Hotels und schaue an die gläserne Decke. Dort hängen alte Flugzeuge und Segelflieger. Ich schaue mich um. Was diese ganzen Menschen hier wohl dazu bewegt, ehrenamtlich an einem Ort zu arbeiten, an dem der Tod täglich präsent ist? Ich bin gespannt auf die Eindrücke und Gespräche des heutigen Tages. Zusammen mit unserem Dozenten Andreas Süskow treffe ich letzte Vorbereitungen in unserem Veranstaltungsraum und wir kommen schnell auf seine eigene Geschichte zu sprechen. Ich kenne die Vita von Herrn Süskow, habe mich jedoch noch nie persönlich mit ihm darüber unterhalten. Seine Tätigkeit als Dozent entstand aus seiner eigenen Geschichte. Seine Frau Angelika Wrobbel und er sind ausgebildete Trauerbegleiter und halten seit vielen Jahren Vorträge, Workshops und Seminare zu den Themen Trauer, Trauerbegleitung und Sterbebegleitung. Sie begleiten trauernde Angehörige psychologisch in Einzel- & Gruppengesprächen, Frau Wrobbel ist darüber hinaus zusätzlich für die Trauerarbeit mit Kindern & Jugendlichen ausgebildet. „Wo ist Ihre Frau heute?“ frage ich und Herr Süskow antwortet lachend „Sie wäre so unglaublich gern bei diesem Workshop heute dabei gewesen, aber in der Schule, in der sie arbeitet, ist heute Sommerfest.“ Die beiden haben 2 Kinder. „Wenn mich jemand nach meinen Kindern fragt, antworte ich: Ich habe zwei“. Einen Sohn, leidenschaftlicher Tischtennisspieler. Und eine Tochter. Gestorben an Leukämie. Mit acht Jahren. Vor 10 Jahren. Als wir wussten, dass sie am Ende ihres Weges angekommen ist, haben wir alles Erdenkliche ermöglicht, um ihr die letzten Momente zusammen mit der Familie so unbeschwert wie möglich zu gestalten.“ „Während den Vorbereitungen auf die Trauerfeier sind wir auf eine unmögliche Bestatterin getroffen, wenig Empathie, wenig Kommunikation, wenig Individualität und Verständnis für unsere Situation. Unser Glück war es, zufällig auf eine andere Bestatterin zu treffen, die unsere Trauerfeier dann organisiert hat. Nach diesem Erlebnis saß ich mit meiner Frau zusammen und für uns war sofort klar, dass wir trauernde Angehörige unterstützen möchten. Die Idee konkretisiere sich und nun arbeiten wir seit knapp 10 Jahren als Trauerbegleiter.“ Ob es ihm trotz der vergangenen Zeit auch immer mal wieder schwerfalle, über den Tod seiner Tochter zu sprechen, frage ich. „Es gibt für mich und meine Frau keine klassischen Phasen in der Trauer. Trauer ist individuell. Trauer ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es kann sein, dass ein Betroffener eine Phase überspringt, nur kurz in ihr ist oder vielleicht sehr lange in ihr verweilt. Natürlich trauere ich noch immer, aber es verändert sich. Die Trauer kommt und geht wellenförmig“.

Kurz vor neun, die ersten Workshop Teilnehmer*innen betreten den Raum und suchen sich ihren Platz. Der Workshop ist ausgebucht, knapp 30 ehrenamtliche Mitarbeiter*innen strömen nach und nach zu uns. Die Stimmung ist unbeschwert, neugierig und ich erkenne Unsicherheit in einigen Gesichtern. „Hatten Sie einen guten Start in den Tag?“ frage ich eine Teilnehmerin. „Der war großartig, der Abend gestern war schon so toll und jetzt freue ich mich auf den Workshop. Ich habe darauf gehofft, einen Platz zu bekommen“. „Warum war es Ihnen so wichtig, an diesem Workshop teilzunehmen?“. „Wissen Sie, ich mache diese Arbeit im Hospiz schon seit mehreren Jahren, aber es gibt immer wieder Situationen, in denen ich mich unsicher fühle. Dann weiß ich nicht, wie ich auf die Eltern zugehen oder ihnen antworten soll. Ich will nichts Falsches sagen“. Im Workshop wird sehr schnell klar: Es gibt gar kein Richtig oder Falsch. Jeder der ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen in den Kinderhospizen bringt eine gute Intuition und Empathie mit, es bleibt jedoch manchmal die Angst davor, „etwas Falsches zu sagen“ oder auch „gar nichts sagen oder antworten zu können“.

Oftmals stehen ehrenamtliche Mitarbeiter*innen vor der Frage „Wie begegne ich den Kindern, Eltern und Angehörigen richtig?“ Herr Süskow geht dieser Frage nach und wir sind uns alle schnell einig; oft geht es gar nicht um viele Worte oder Taten, es geht um die Wünsche, die ein sterbendes Kind am Ende seines Lebensweges äußert. Es geht oft nicht um viele Worte, es geht um Zuhören, es geht darum, auch den Eltern für einen kurzen Moment die Last zu nehmen oder auch ein paar Stunden Schlaf am Stück ermöglichen zu können. Die Kommunikation mit den Kindern, aber vor allem mit den trauernden Eltern und Angehörigen von Kindern mit lebensverkürzender Diagnose steht in diesem Workshop im Mittelpunkt. „Trauer ist eine Diva“. So der Titel einer seiner Präsentationsfolien. Von einigen Plätzen ist ein leises raunen zu hören, hier und da sehe ich ein Kopfschütteln. Trauer möchte gesehen werden, es muss Platz für Trauer geben. Trauer darf vorhanden und sichtbar sein. In der Trauerarbeit geht es darum, die Menschen an dem Punkt abzuholen und aufzufangen, an dem sie stehen. Als ausgebildeter Trauerbegleiter und verwaister Vater beantwortet Süskow die Fragen der Teilnehmer*innen immer sehr authentisch sowie professionell.

Wir beschäftigen uns mit der Frage, welche Haltung wir Trauernden gegenüber einnehmen. Zeigen wir Mitleid oder Mitgefühl? „Natürlich dürfen wir auch betroffen sein, das ist Empathie, das ist menschlich.“ meint Andreas Süskow. Aber je nachdem in welchem Verhältnis wir zu der verstorbenen Person und auch zu den Angehörigen gestanden haben, stehen, sollten wir auch versuchen, zu reagieren. Sollten. Was Süskow meint ist, dass ein entfernter Nachbar sich nicht mit in das „Trauertal“ stürzen sollte, wenn er oder sie dem Trauernden das Beileid ausspricht. In dem Fall wäre Mitleid eher eine zusätzliche Bürde für den Menschen, der gerade einen Verlust erlitten hat. Wenn jemand Mitgefühl zeigt, dann bedeutet das „Ich kann deine Trauer aushalten“. Richtig und wichtig ist es auch, zu signalisieren „Ich bin überfordert, ich kann deine Trauer gerade/zeitweise nicht aushalten“. Man kann auch konkrete Angebote machen, den trauernden zum Spazierengehen abholen, für ihn oder sie einkaufen und kochen, regelmäßig anrufen. Man kann zuhören, man gibt jedoch keine Ratschläge. Jeder Mensch trauert so lang und in der Intensität, wie er oder sie es benötigt. Ist in dem Trauerprozess jedoch in der Intensität auch nach mehreren Wochen gar keine Besserung zu erkennen, sollte man professionelle Hilfe suchen. Oftmals werden in Trauerzeiten die Geschwisterkinder vergessen; „Du musst jetzt schön artig sein, die Mama und der Papa sind gerade sehr traurig“. An der Reaktion der Teilnehmer*innen bemerke ich, dass einige von ihnen dieses Phänomen schon erlebt haben. „Wenn Kinder Eltern verlieren, verlieren Sie ihre Vergangenheit. Wenn Eltern Kinder verlieren, verlieren sie Ihre Zukunft. Wenn Geschwister einander verlieren, verlieren sie beides.“ Der Satz hat gesessen. Ich merke, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildet und der ein oder andere Teilnehmer nach einem Taschentuch sucht. „Tränen sind übrigens herzlich willkommen, für uns Trauerbegleiter sind Tränen das schönste Lob. Im Indianischen werden Tränen als „Kristalle der Seele“ bezeichnet“ sagt er mit einem augenzwinkernden Lächeln. Geschwisterkinder müssen, wie die Eltern, Raum zum Trauern haben. Sie benötigen auch trauerfreie Zeiten, in denen sie für ein paar Stunden zum Beispiel im Freibad oder im Sportverein unbeschwert sein können. Trauer darf auch bei Kindern nicht vermieden werden, Gefühle werden nicht bewertet; alle Fragen werden beantwortet. Bereits in der Zeit vor dem Tod sollte man mit den Geschwisterkindern offen und altersgerecht über die Situation sprechen. Sie sollten, sofern sie möchten, mit einbezogen werden. Nach Süskow‘s Meinung gibt es auch nur einen Grund, aus dem Kinder nicht mit zu Trauerfeiern gehen sollten – sie möchten nicht. Man sollte auch keine Geschichten erfinden „Die Oma sitzt jetzt auf einer Wolke im Himmel“ oder „Die Oma schläft“. Noch schlimmer „Die Oma hatte schlimmen Schnupfen“. Es wird gelacht. Süskow erzählt weiter „Ich hatte mal ein ganz junges Mädchen bei mir zur Trauerbewältigung. Sie war auch nach mehreren Sitzungen immer noch sehr aufgelöst und hat bitterlich geweint. Nach mehreren Versuchen, herauszufinden, was ihr so schwer auf dem Herzen liegt, antwortete sie „Mama hat gesagt, Oma ist jetzt im Himmel und sitzt auf einer Wolke und schaut zu uns herab. Ich habe so Angst, dass Oma von der Wolke runterfällt“. Nicht wenig häufig passiert es, dass Eltern oder Angehörige die Wahrheit „weniger schlimm“ für die Kinder gestalten möchten, damit jedoch manchmal mehr Unheil anrichten. „Was meinen Sie, was ihr Kind denkt, wenn es den nächsten „schlimmen Schnupfen“ hat oder die schlafende Oma in einer Holzkiste unter die Erde befördert wird?“. Die Stimmung im Workshop ist aufgelockert gut. Pause.

„Läuft gut, ich bin auf die zweite Hälfte des Workshops gespannt“ sage ich zu Herrn Süskow. Wir bauen den Raum gemeinsam um, für den nächsten Teil stellen wir einen Stuhlkreis auf und Herr Süskow stellt einen mittelgroßen Strauch in einer langen Vase in die Mitte des Raumes. Darum platziert er Teelichter und kleine Schiffchen aus Walnüssen. Ich komme selbst aus dem Gesundheitswesen und der Kontakt zu sterbenden Menschen oder den Angehörigen ist mir nicht fremd. Ich habe höchsten Respekt vor den Menschen und deren Arbeit, die hier in diesem Workshop sitzen. Jetzt geht’s wohl ans „Eingemachte“ denke ich und bin gespannt, was es mit den Schiffchen und dem Strauch auf sich hat. Herr Süskow legt noch helle Leinenbänder dazu. Nach der Pause erzählt er die Geschichte zu den Bändern. „Ein junger Typ hat seine Familie schwer enttäuscht und war zu Hause nicht länger willkommen. Nach mehreren Jahren schrieb er einen Brief an seine Familie, bat um Vergebung und dass er sie mit dem Zug in den nächsten Tagen besuchen kommen würde. Wenn sie seine Entschuldigung annehmen würden, sollten sie weiße Bänder in den Apfelbaum im Garten hängen, diesen konnte man von der Bahnstrecke aus sehen. Je nachdem, ob die Bänder im Apfelbaum hängen würden oder nicht, wollte er am Bahnhof aussteigen oder mit dem Zug weiterfahren. Als der Zug sich dem Bahnhof und auch dem nahegelegenen Grundstück näherte, sah er den Apfelbaum. Dieser war über und über mit weißen Bändern geschmückt.“ Herr Süskow nutzt diese Idee in seiner Trauerarbeit. In Workshops und auch in der direkten Arbeit mit Trauernden lässt er Wünsche oder Gedanken oder eben auch Vergebungen auf diese Bänder schreiben und im Baum hinter seinem Haus aufhängen.

Ich ahne, was kommt. „In Ihrer Arbeit mit den Kindern & Jugendlichen und deren Eltern bleiben Ihnen bestimmte Schicksale bestimmt prägnanter in Erinnerung als andere. Nutzen Sie die Bänder nun gern, um Gedanken an diese oder andere Ihnen wichtige Menschen zu richten“. Nachdem man einen Gedanken in das Band gewunschen oder geschrieben hat, knotet es jeder von uns an den Strauch. Herr Süskow fragt, wie die Gruppe dieses Ritual empfunden hat. Ein älterer Herr fängt an zu sprechen. Er erzählt von dem Schicksal des kleinen Mädchens, mit dem Herzfehler und ihren Eltern. Je mehr er erzählt, desto schwerer fällt es ihm, zu sprechen. Er weint. Wieder hört man aus mehreren Ecken das Geräusch von Taschentücherpackungen. Nach und nach erzählen ein paar Teilnehmer*innen von den kleinen und großen Menschen, die ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind. Wir reden über verschiedene Rituale, verschiedene Kulturen und wie Dinge von McDonald’s Haus zu McDonald’s Haus gehandhabt werden. „Bei uns brennt die Kerze auch immer, wenn ein Kind verstorben ist, das ist ja klar. Aber sie steht bei uns im Stationszimmer, nicht für jeden öffentlich sichtbar. Wir möchten nicht, dass Eltern, die noch Zeit mit ihren Kindern haben, permanent an die verstorbenen Kinder erinnert werden. Sie wissen selbst, dass die Zeit knapp ist“. Jetzt rollen auch bei mir Tränen.

Ich frage mich, was man eigentlich für Eigenschaften mitbringen sollte, um ehrenamtlich in einem Kinderhospiz zu arbeiten. Herr Süskow meint, man sollte seine eigenen Verluste und Trauererlebnisse reflektiert haben, keine Angst davor haben, aus dem Bauch heraus zu sprechen, seinen Gefühlen zu folgen und dem Tod ab und zu auch mit Humor zu begegnen. „Wenn einer von uns mal tot ist, zieh ich nach Sylt“ wirft er einen kurzen Witz ein. Süskow und seine Frau haben in den letzten Jahren ein satirisches Kabarettstück erarbeitet. Auf der Bühne begegnen Sie skurrilen Situationen aus der Trauerarbeit mit Galgenhumor und nehmen den Tod würdevoll auf die Schippe. Am Ende des Workshops verteilt er die kleinen Walnussschiffchen an jeden Teilnehmer „Am anderen Ende vom Horizont sehen wir uns wieder“. Die Teilnehmer möchten noch ein Abschlussbild machen, nutzen den Moment, um Herrn Süskow noch für eine kurze Frage zu erwischen und bedanken sich für den gelungenen Workshop.

In der Mittagspause stehen wir mit den drei Origami Lehrerinnen an einem Tisch. „Oh, was für ein schwieriges Thema, war es sehr traurig bei Ihnen im Workshop“ fragt eine der drei betagten Damen. „Natürlich fließen ab und zu auch Tränen, aber wir haben auch viel gelacht. Ich halte es so wie Charly Brown & Snoopy; „Eines Tages werden wir alle sterben“ meint Charly Brown. „Ja, aber alle anderen Tage werden wir leben“. Noch während wir den Raum für den nächsten Workshop vorbereiten denke ich über diesen Satzwechsel nach. Alles, was wir zum Leben benötigen, haben wir bereits in uns.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*